News · 25.02.2026
Vom Underdog auf die Überholspur
Prof. Dr. Annabella Rauscher-Scheibe beschreibt im Tagesspiegel den Weg der Hochschulen angewandter Wissenschaften (HAWs) in den vergangenen 50 Jahren als Erfolgsgeschichte und nutzt dafür das Bild der Überholspur. In der angewandten Forschung wird das konkret. Drei Berliner Beispiele aus dem IFAF-Kontext zeigen: Praxisnähe macht Tempo. Und Transfer läuft von Anfang an mit.
WAS PASSIERT, WENN PRAXISNÄHE IN FORSCHUNG ÜBERSETZT WIRD
Rauscher-Scheibe beschreibt vieles, was HAWs auszeichnet: Praxisnähe, Durchlässigkeit, Lehre in überschaubaren Strukturen. Aus IFAF-Perspektive ist vor allem eine Frage entscheidend: Was passiert, wenn diese Praxisnähe in Forschung übersetzt wird – und wenn das im Verbund geschieht?
Drei Beispiele Aus Berlin
- Vom Befund ins Gesetz: PSNV in Berlin
Der Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz 2016 machte sichtbar, dass Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) mehr braucht als Angebote. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Wer übernimmt wann? Wie fließen Informationen und wo reißen Schnittstellen?
Genau hier setzten PSNV-NET und PSNV Net Plus an. Forschende der HWR Berlin und ASH Berlin untersuchten die Berliner PSNV, machten Hürden in der Zusammenarbeit sichtbar und übersetzten die Erkenntnisse in Handlungsempfehlungen und Machbarkeitsstudien – zusammen mit Praxispartnern wie der Berliner Polizei und der EKBO.
Die Ergebnisse flossen in die Ausgestaltung des ersten PSNV-Gesetzes Deutschlands ein. Beim SUV-Unfall 2019 in Berlin-Mitte bewährte sich das Konzept. Heute wird das Konzept auf Bundesebene weiterentwickelt.
Vom Workshop zur Raumlösung: hybride Arbeit praktisch gestalten
Wer arbeitet wann wo? Welche Büroumgebungen brauchen wir dafür? RAW_Reallabor, ein Verbundprojekt der HWR Berlin und HTW Berlin, untersuchte, wie Teams ihre Arbeitsumgebungen eigenständig analysieren und an hybride Arbeitsmodelle anpassen können.
Das Ergebnis: eine TOOLBOX mit GUIDE. Teams können damit ihre Bedarfe klären und passende Arbeitsumgebungen ableiten. Frei verfügbar, wissenschaftlich fundiert.
TOM@NewWorkBerlin, ein Projekt zur Transformation der Berliner Verwaltung, nutzt die TOOLBOX bereits als Grundlage für Workshops. Über 400 Beschäftigte haben bereits teilgenommen (Stand: 1/ 2026).
Wie das im Anschluss in der Umsetzung aussieht, zeigt ein Blick in die Büros des Referats Digitale Transformation der Senatsverwaltung für Finanzen: 25 Mitarbeitende teilen sich zehn PC-Arbeitsplätze in einem denkmalgeschützten Gebäude. Die Arbeitsplätze werden per App gebucht. Eine Tafel zeigt, wer wann wo arbeitet. Zudem hat das Team »Spielregeln« entwickelt – etwa die Clean Desk Policy oder gemeinsame Kernzeiten für Teamarbeit.
- Windkraft neu gedacht: Rotorblätter aus dem 3D-Druck
Rotorblätter von Windkraftanlagen bestehen heute meist aus glasfaserverstärkten Kunststoffen. Das ist nicht nur teure Handarbeit, sondern auch kaum recycelbar und ein zentraler Kostentreiber. WindDruck setzte genau hier an, bei Material und Fertigung.
Im Verbund von BHT und HTW entwickelten die Forschenden ein Verfahren, Rotorblätter aus recyclingfähigen, nachwachsenden Materialien im Large-Scale-3D-Druck herzustellen. Langfristig steht eine Idee dahinter, die für die Praxis entscheidend ist: Die Rotorblätter könnten zukünftig sogar direkt am Aufstellungsort auf mobilen 3D-Druckern gefertigt werden, angepasst an den jeweiligen Bedarf.
Zum Projektende lag der Machbarkeitsnachweis vor. Ein 5,5 Meter langer Rotorblatt-Prototyp. Die Technologie ist bereits im Einsatz: addmotion, ein Spin-off aus einem früheren IFAF-Projekt, nutzt sie auch jenseits der Windenergie – im Schiffbau, in der Ecomobility und im alternativen Wohnungsbau.
Was sich in allen drei Fällen zeigt
Drei Themen, eine Arbeitsweise: Transfer ist kein Schlusskapitel. Transfer ist der rote Faden. Ergebnisse entstehen gemeinsam mit Praxispartnern, werden erprobt, angepasst, implementiert und oft über das Projekt hinaus weiterentwickelt.
Und hier wird die Verbundperspektive interessant. Wenn Kompetenzen zusammenkommen – Disziplinen, Praxisfelder, Umsetzungspfade –, werden Fragen größer, Lösungen robuster und Transferwege schneller sichtbar. Seit 2009 zeigt sich im IFAF-Kontext, was möglich ist, wenn ASH Berlin, BHT, HTW Berlin und HWR Berlin Forschung gemeinsam denken.
Ausblick 2026/27: Kooperation weiterdenken
Für 2026/27 sind drei neue Projekte zu Krisenkommunikation, Pflege-Robotik und KI-gestützter Innovation beantragt, mit zusätzlichen Praxis- und außeruniversitären Partnern. In zwei Vorhaben arbeiten jeweils drei Berliner HAWs zusammen, in einem erstmals alle vier.
Die Überholspur ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Hinweis darauf, dass Forschung schneller in der Stadt ankommt, wenn sie früh gemeinsam gebaut wird: mit Praxis, im Verbund, mit Blick auf Umsetzung.
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