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KRIKO-BE

Krisenkommunikation und Governance in Berlin

Kurzbeschreibung

Wenn in Berlin der Strom ausfällt, zählt jede Minute. Kommunikation entscheidet mit darüber, wie gut eine Stadt durch die Krise kommt. Die Stromausfälle der letzten Zeit haben deutlich offengelegt, wo Berlin verwundbar ist. Informationen kommen nicht überall an, digitale und analoge Wege greifen nicht ineinander, und gerade Menschen mit Sprachbarrieren oder in Pflege werden zu spät erreicht.

Den Ausgangspunkt der Forschung bilden damit die Bürgerinnen und Bürger mit ihren Erlebnissen in den vergangenen Krisen. So sollen Lösungen entstehen, die auch unter realen Bedingungen tragen.

KRIKO-BE entwickelt dafür drei Bausteine: spielbasierte und VR-gestützte Formate für die Vorsorge, einen mehrsprachigen KI-gestützten Kommunikationskanal, der im Krisenfall per Telefon erreichbar ist, auch ohne Smartphone oder Internet, sowie einen Governance-Rahmen, der Zuständigkeiten, Zusammenarbeit und rechtliche Anforderungen bündelt – das »Berlin Framework for Crisis Management«.

Bezirksämter, Feuerwehr, soziale Einrichtungen und zivilgesellschaftliche Akteure gestalten das Projekt von Anfang an mit.

Projektinfos

Ausgangslage

Die Stromausfälle in Berlin im September 2025 und Januar 2026 haben deutlich gezeigt, wo die Risiko- und Krisenkommunikation der Stadt an Grenzen stößt. Gleichzeitig wurde sichtbar, was vor Ort bereits funktioniert.

In Treptow-Köpenick informierte das Bezirksamt die Bevölkerung nach dem Brandanschlag auf zwei Strommasten kurzfristig über einen WhatsApp-Kanal – improvisiert, aber wirksam. In Steglitz-Zehlendorf wurden Jugendfreizeiteinrichtungen und Kirchen spontan zu Anlaufstellen, obwohl sie in dieser Form nicht Teil der offiziellen Planung waren.

Berlin ist dabei besonders gefordert: hohe Bevölkerungsdichte, viele Sprachen, soziale Ungleichheit, starke Abhängigkeit von vernetzter Infrastruktur. Bestehende Warnsysteme erreichen Menschen mit Sprachbarrieren, geringen digitalen Kenntnissen oder in prekären Lebenslagen oft nicht rechtzeitig. Hinzu kommen wachsende rechtliche Anforderungen, etwa an kritische Infrastrukturen, Cybersicherheit und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Wie technische und soziale Strategien in der Krisenkommunikation zusammenwirken, ist bislang kaum systematisch erforscht. KRIKO-BE setzt genau hier an.

Ziel und Vorgehen

KRIKO-BE analysiert, wo Berlins Risiko- und Krisenkommunikation versagt und entwickelt daraus Lösungen, die unter realen Bedingungen funktionieren.

Am Anfang steht eine systematische Analyse in ausgewählten Bezirken: Was hat bei den jüngsten Stromausfällen funktioniert? Wo gab es Lücken? Welche Kanäle erreichen welche Gruppen?
Die Forschenden befragen Behörden, soziale Einrichtungen und Bürger*innen und arbeiten mit partizipativen Formaten und Reallaboren. Die Ergebnisse fließen in eine digitale Kommunikations-Heatmap ein, die sichtbar macht, wo Informationslücken entstehen, welche Kanäle vor Ort relevant sind und welche Gruppen besonders schwer erreichbar sind.

Vorbereitung vor der Krise: Für die Vorsorge entstehen spielbasierte, niedrigschwellige Bildungsformate für Schulen und Kieze – »Teacher Kits« und »Kiez Kits«. Sie bereiten auf Situationen wie Blackouts, Kommunikationsausfälle und Nachbarschaftshilfe vor. Ergänzend entwickelt das Team ein VR-gestütztes Kommunikationstraining, das realistische Szenarien wie Evakuierungen, Massenanfragen und Deeskalationsgespräche abbildet. Einsatzkräfte, Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Verwaltungsmitarbeitende können damit typische Krisensituationen realitätsnah üben.

Kommunikation in der akuten Lage: Für den Ernstfall wird ein skalierbarer, mehrsprachiger, KI-gestützter Kommunikationskanal entwickelt, der über Telefon erreichbar ist. Der Prototyp verknüpft Sprachverarbeitung mit Echtzeit-Datenquellen und wird auf Verständlichkeit, Erreichbarkeit und Entlastung von Hotlines getestet. Das Ziel ist ein funktionsfähiger Open-Source-Prototyp, den Bezirke und andere Städte direkt als erste Anlaufstelle für Bürger*innen im Krisenfall übernehmen können.

Zusammenarbeit im Verbund

Das Projekt wird im Verbund der Berliner Hochschulen HTW Berlin, ASH Berlin, BHT und HWR Berlin umgesetzt, mit Expertisen in technischer Systementwicklung und KI-gestützter Kommunikation, nutzerorientiertem Service Design und Anforderungsanalyse, partizipativer Sozialarbeitsforschung sowie Krisen- und Sicherheitsmanagement in öffentlichen Verwaltungen. Die Partner aus Wissenschaft und Praxis sind nicht nur Abnehmer der Ergebnisse, sondern gestalten Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Anfang an mit.

Fraunhofer FOKUS stellt mit seinem SIRIOS-Lab Simulationsumgebungen für bürgernahe Krisenkommunikation bereit. VR4Content entwickelt die Szenarien für das VR-gestützte Training. Die Bezirksämter Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf und Marzahn-Hellersdorf sowie die Berliner Feuerwehr ermöglichen die Erprobung unter realen Einsatzbedingungen. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport und der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin sichern die Anbindung an Governance-Strukturen und den Zugang zu vulnerablen Gruppen.

Erwartete Ergebnisse

Bis Ende 2027 liegen mehrere praxiserprobte Bausteine vor:

  • spielbasierte Bildungsformate (»Teacher Kits« und »Kiez Kits«) sowie VR-gestützte Trainingsszenarien und ein mobiles Reallabor – für Schulen, Kieze und Fachpraxis
  • Mehrsprachiger KI-Kommunikationskanal als Open-Source-Prototyp, der auch bei hoher Auslastung zuverlässig funktioniert und telefonisch erreichbar ist
  • Kommunikations-Heatmaps – empirisch fundiert, partizipativ entwickelt – die Informationslücken und Kanalbrüche in Berliner Bezirken sichtbar machen, inklusive Handlungsempfehlungen für vulnerable Gruppen.
  • Berlin Framework for Crisis Management: Alle Bausteine fließen in diesen modularen Leitfaden für Bezirksämter und Akteure kritischer Infrastrukturen ein. Er verbindet technische Machbarkeit, rechtliche Zulässigkeit und soziale Verantwortung und dient als Entscheidungs- und Umsetzungsgrundlage für die Krisenkommunikation in Berlin