News · 14.07.2026
Was der Mittelstand für den KI-Einstieg braucht
Viele Berliner Unternehmen wollen Künstliche Intelligenz nutzen. Im Betriebsalltag fehlen jedoch oft Zeit, klare Zuständigkeiten und vertrauenswürdige Partner. Beim Transferale-Workshop des IFAF-Forschungsprojekts KI-InnoX diskutierten rund 60 Teilnehmende, was KMU für den Einstieg in KI wirklich brauchen.

Am 30. Juni 2026 kamen im Cambridge Innovation Center Berlin Unternehmer:innen, Handwerksbetriebe, Selbstständige sowie Vertreter:innen aus Kammern und Verbänden zusammen. Ihr gemeinsames Thema: Wie können Berliner Betriebe KI sinnvoll einsetzen – und welche Rolle spielt sie bei der Unternehmensnachfolge?
Das IFAF-Forschungsprojekt KI-InnoX gestaltete den Workshop im Rahmen der Transferale von »Zukunft findet Stadt«. Drei Impulse, ein Panel und anschließende Thementische verbanden wissenschaftliche Perspektiven mit konkreten Erfahrungen aus dem Mittelstand.
Dabei zeigte sich ein klares Muster: Die größte Hürde liegt nicht allein in der Technik. Viele Betriebe brauchen vor allem Zeit für erste Versuche, klare Verantwortlichkeiten und Partner, denen sie vertrauen.
Nachfolge und Digitalisierung gleichzeitig denken
Prof. Dr. Birgit Felden von der HWR Berlin eröffnete mit einer klaren Botschaft: Unternehmen sollten Nachfolge und Digitalisierung nicht nacheinander angehen.
In vielen Betrieben steckt entscheidendes Wissen nur in den Köpfen der Inhaber:innen oder langjähriger Mitarbeitender. Wird dieses Wissen vor einer Übergabe nicht dokumentiert, kann KI es später nicht zurückholen.
KI kann den Nachfolgeprozess in drei Bereichen unterstützen:
- Wissen sichern: Abläufe, Kundenbeziehungen und Erfahrungswissen dokumentieren
- Übergaben strukturieren: Protokolle, Aufgaben und Zeitpläne übersichtlich festhalten
- Modernisierung anstoßen: Nachfolger:innen können neue digitale Arbeitsweisen in den Betrieb einbringen
Nachfolge wird damit nicht nur zum Abschluss einer Unternehmensphase. Sie kann der Beginn eines gemeinsamen Digitalisierungsprojekts sein.

KI-Nutzung wächst – Abhängigkeiten ebenfalls
Wie stark KI inzwischen in der Berliner Wirtschaft angekommen ist, zeigte Henrik Holst von der IHK Berlin. Laut IHK-Digitalisierungsumfrage stieg der Anteil der Berliner Unternehmen, die KI einsetzen, von 9,5 Prozent im Jahr 2020 auf 40 Prozent im Jahr 2025.
Mit der wachsenden Nutzung steigt jedoch auch die Abhängigkeit von Anbietern außerhalb der Europäischen Union. Für Unternehmen geht es deshalb nicht nur um die Frage, welches Tool sie einsetzen. Sie müssen ebenso klären:
- Welche Daten dürfen in ein System fließen?
- Wie abhängig wird der Betrieb von einzelnen Anbietern?
- Welche Kompetenzen braucht das eigene Team?
- Welche Anwendung bringt im Alltag einen konkreten Nutzen?
Gerade hier braucht es einen stärkeren Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Klein anfangen, konkret testen
Prof. Dr. Christina Kratsch von der HTW Berlin zeigte, wie ein pragmatischer Einstieg aussehen kann. Beim IHK GenAI Hackathon entwickelten Berliner Unternehmen innerhalb kurzer Zeit erste KI-Prototypen.
Die Anwendungsfälle reichten von der automatisierten Auswertung von Wartungsprotokollen bis zur KI-gestützten Zimmervergabe in einem Hotel. Die Beispiele machten deutlich: Ein Betrieb muss nicht mit einer umfassenden KI-Strategie beginnen. Häufig reicht ein klar begrenztes Problem, das sich mit überschaubarem Aufwand testen lässt.
Entscheidend ist jedoch, dass Daten, Technik und Menschen zusammenspielen. Nur dann können Unternehmen KI souverän einsetzen und eigene Kompetenzen aufbauen.

Was braucht der Berliner Mittelstand?
Im anschließenden Panel diskutierten vier Beteiligte des Projekts KI-InnoX: Prof. Dr. Sabine Baumann und Prof. Dr. Birgit Felden von der HWR Berlin, Prof. Dr. Christina Kratsch von der HTW Berlin sowie Henrik Holst von der IHK Berlin. Im Mittelpunkt standen KI-Transformation, Kompetenzaufbau und Unternehmensnachfolge.
Berlin gilt als wichtiger KI-Standort. Diese Stärke muss nun auch im Mittelstand ankommen. Dafür brauchen Unternehmen Gelegenheiten, eigene Anwendungsfälle zu erproben und Wissen im Betrieb aufzubauen.
Forschung, Kammern und Politik können dabei unterstützen: Sie können Zugänge schaffen, Orientierung geben und vertrauenswürdige Räume für erste Experimente anbieten.

Nicht fehlendes Wissen, sondern fehlende Zeit
An drei Thementischen vertieften die Teilnehmenden die Fragen aus den Impulsen.
KI und Nachfolge
Nachfolge ist vor allem ein Vertrauens-, Kultur- und Kommunikationsthema. KI kann den Prozess unterstützen, bleibt aber ein Werkzeug. Besonders bei sensiblen Bereichen wie der Übergabe von Arztpraxen zeigte sich, wie stark Unsicherheit über Datenschutz Vorhaben bremsen kann.
Gleichzeitig liegt in der Nachfolge ein großes Potenzial: KI-affine Nachfolger:innen können bestehende Betriebe modernisieren und neue Arbeitsweisen einführen.
Kooperation und Open Innovation
Viele Teilnehmende wünschten sich mehr Austausch mit anderen Unternehmen und Hochschulen. Als hilfreiche Formate nannten sie Hackathons, Innovation Sprints und studentische Prototypen.
Entscheidend ist dabei das Vertrauen in die beteiligten Partner. Eine Teilnehmerin brachte diese Erwartung auf den Punkt: „Mit Hochschulen arbeite ich lieber zusammen als mit freien Beratern, die wollen mir nicht sofort etwas verkaufen.“
KI-Kompetenzen im Betrieb
In vielen Unternehmen fehlt nicht grundsätzlich das Wissen über KI. Es fehlt eine Person, die das Thema verbindlich vorantreibt – und die dafür ausreichend Zeit erhält.
KI-Aufgaben landen häufig bei einem informellen »KI-Kümmerer«, der sie zusätzlich zum Tagesgeschäft übernimmt. Gebraucht werden deshalb klare Rollen und praxisnahe Lernformate an echten Anwendungsfällen.

Was von der Veranstaltung bleibt
Der Berliner Mittelstand ist nicht grundsätzlich mit KI überfordert. Viele Unternehmen haben Ideen und sind bereit, neue Anwendungen zu testen.
Damit aus Interesse konkrete Praxis wird, brauchen sie:
- Zeit und Ressourcen für erste Versuche
- klare Zuständigkeiten im Betrieb
- verständliche Orientierung zu Datenschutz und Abhängigkeiten
- vertrauenswürdige Partner
- konkrete, überschaubare Anwendungsfälle
Genau hier setzt KI-InnoX an. Das Projekt bringt Hochschulen, Unternehmen, Kammern und weitere Partner zusammen. Es schafft Räume, in denen Betriebe KI ohne Verkaufsdruck erproben, passende Anwendungsfälle entwickeln und eigene Kompetenzen aufbauen können.
KI selbst ausprobieren
Am Donnerstag, 23. Juli 2026, lädt KI-InnoX von 9:00 bis 12:30 Uhr zu zwei kostenfreien Hands-on-Workshops ins CIC Berlin ein:
- „KI-Snacks«: Für Einsteiger:innen, die KI ausprobieren und mögliche Anwendungen im eigenen Betrieb finden möchten
- „KI-Prototyping«: Für Fortgeschrittene, die aus einem konkreten Anwendungsfall einen ersten Prototyp entwickeln wollen
Die Workshops richten sich an Personen aus Berliner KMU und Handwerksbetrieben. Eine formlose Anmeldung ist bis zum 20. Juli 2026 per E-Mail an falko.carl@hwr-berlin.de möglich.
