Funkstille: Was Berlin aus seinen Blackouts lernt

Licht aus. Kartenzahlung weg. Aufzug steht. Heizung kalt.

Ein Stromausfall legt nicht nur Infrastruktur lahm, er unterbricht auch Kommunikation. Wie erfahren Menschen, was passiert ist? Wo finden sie Hilfe? Welchen Informationen können sie vertrauen, wenn die gewohnten Kanäle ausfallen?

Berlin ist diesen Fragen zuletzt gleich zweimal begegnet: beim Blackout in Treptow-Köpenick im September 2025 und im Januar 2026 in Steglitz-Zehlendorf. Auf der CityLAB Sommerkonferenz zogen Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, und Thilo Cablitz von der Senatsverwaltung für Inneres und Sport Bilanz. Moderiert wurde das Gespräch von Prof. Daniela Hensel (HTW Berlin), die das Verbundprojekt KRIKO-BE leitet.

CityLab / Florian Reimann
Aufzeichnung von ALEXS Berlin
Sobald Sie sich das Video ansehen, werden Informationen darüber an die Videoplattform übermittelt.

Die wichtigsten Aussagen des Talks im Überblick:

DER UNERWARTET EFFEKTIVSTE KANAL

500 Abonnent*innen hatte der WhatsApp-Kanal des Bezirksamts Treptow-Köpenick, der eine Woche vor dem September-Blackout gestartet worden war, ursprünglich für ruhige Zeiten geplant. Im Laufe des Ausfalls wuchs er innerhalb von Stunden auf 15.000. Durch Weiterleitungen wurden 100.000 Menschen erreicht, laut Igel genau die Zahl der Betroffenen.

Das funktionierte, weil viele Menschen mobil unterwegs waren oder Angehörige außerhalb des Ausfallgebiets Nachrichten weitergaben. Das Mobilfunknetz hielt und soll künftig durch Notstromversorgung der Masten auch bei längeren Ausfällen stabil bleiben.

LICHT SCHAFFT ORIENTIERUNG

Nicht alle lassen sich digital erreichen. Für Menschen ohne Smartphone, mit eingeschränkter Mobilität oder Sprachbarrieren braucht es andere Wege. Die Polizei setzte sogenannte Lichtinseln ein: Lichtmastkraftwagen, die nachts als physische Anlaufpunkte positioniert wurden, flankiert von Einsatzkräften, ergänzt durch Lautsprecherstreifen und Präsenz an Essensausgaben.

Ein Bürger beschrieb den Anblick: »Wie die Motten zum Licht.« Genau das war die Idee. Ein sichtbarer Kontaktpunkt, an dem nicht nur Informationen fließen, sondern Dialog möglich ist. Das Prinzip ist nicht neu. In Krisen suchen Menschen physische Orientierung, früher Rathäuser und Kirchen, heute Feuerwehrwachen und beleuchtete Anlaufpunkte.

KRISENKOMMUNIKATION BEGINNT VOR DER KRISE

Thilo Cablitz brachte es auf den Punkt: »Krisenkommunikation fängt schon vorher an, nicht in dem Moment, wenn wir im Schlamassel stecken.“

Strukturen, Zuständigkeiten und Kanäle müssen bekannt sein, bevor sie gebraucht werden. Besonders deutlich wird das bei vulnerablen Gruppen, Menschen mit Pflegebedarf, medizinischen Geräten oder eingeschränkter Mobilität. Sie können nur erreicht werden, wenn Netzwerke und Daten vorher stehen.

Oliver Igel zog die politische Konsequenz: »Bevölkerungsschutz darf kein Orchideen-Thema sein.« Auf Bezirksebene konkurrieren Mittel und Personal für Katastrophenschutz mit allem anderen. Das dürfe nicht so bleiben.

KRIKO-BE: FORSCHUNG AN REALEN KRISEN

Die Berliner Blackouts sind nicht nur Erfahrungen, die ausgewertet werden. Sie sind konkreter Forschungsgegenstand. Das vom Berliner Senat geförderte Verbundprojekt KRIKO-BE untersucht systematisch, welche Kommunikationswege unter realen Krisenbedingungen funktionieren, welche Gruppen nicht erreicht werden und wie sich das ändern lässt.

Vier Berliner Hochschulen, HTW, BHT, ASH und HWR, verbinden dabei technische Entwicklung mit sozialräumlicher Forschung. Konkret entstehen ein KI-gestützter mehrsprachiger Kommunikationskanal, der auch ohne Internetverbindung per Telefon erreichbar ist, digitale Kommunikations-Heatmaps, die Informationslücken in Berliner Bezirken sichtbar machen, sowie ein Governance-Leitfaden als Handlungsgrundlage für Bezirksämter und Einsatzkräfte.

Was der Talk deutlich gemacht hat: Das Wissen, was im Ernstfall funktioniert, ist in Bezirken und Behörden vorhanden, aber noch nicht systematisch erfasst, ausgewertet und übertragbar gemacht. Genau hier setzt KRIKO-BE an.

Das Projekt sucht den Austausch mit Bürger*innen, die die Blackouts erlebt haben, und mit Akteuren aus Verwaltung und Einsatzpraxis.

Mehr zum Projekt KRIKO-BE

 

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